Spüren wir da etwa Veränderung? Auf der letzten Landesgartenschau wurden Tiny Houses vorgestellt und viele Wohnungen werden bewusst leerer eingerichtet. Kleidung wird immer mehr getauscht als neu gekauft, was die zahlreichen wie Pilze aus den Böden sprießenden Kleidertauschpartys in Würzburg erklärt. Auf Instagram sind simple Modetrends hip und auch in der Fotografie schätzt man Einfachheit in den Bildern. Es weht wohl ein „weniger-ist-mehr“-Wind durch Würzburg und so manch einer zelebriert ihn bis auf seine ungeschmückten Knochen. Scheinbar ist es Trend, dass Menschen ihr Leben minimalistischer gestalten und das auch anderen mitteilen möchten. Aber warum sich gezielt mit weniger ausstatten? Das sind doch auch weniger Möglichkeiten?
Einmal „Minimalismus“ in den Raum geworfen, erreichen Horrorvorstellungen die Köpfe: Menschen hausen in kahlen, viel zu winzigen Wohnungen - keine Farbe, alles weiß, nur eine einzige Hängematte hängt im Raum als Bettersatz. Außer einem Paar Schuhe und sieben Sachen zum Anziehen bleibt nichts als Leere, die Atmosphäre unpersönlich und steril. Warum sollte man nur so extrem entrümpeln?
Der Film „Fight Club“ bringt es womöglich auf den Punkt: „Alles was Du besitzt, besitzt irgendwann Dich!“.Die einfache Lebensweise ist kein vorgeschriebenes Konzept - kein Zwang, sich radikal auf das Minimalste zu beschränken. Es bedeutet nicht zu verzichten, seine geliebten Sachen wegzuwerfen, sondern die Dinge, deren Besitz man bewusst wählt, wirklich wertzuschätzen.
Die Bloggerin Dori von minimalistenfreun.de redet über die Kapazität, die Gegenstände verbrauchen: "Inzwischen ist mir klar, dass jeder Gegenstand nicht nur bei der Anschaffung Aufwand bedeutet, sondern auch beim Aufbewahren und Weggeben. Schließlich braucht alles Platz und muss gepflegt oder zumindest abgestaubt werden.“ Wenn weniger Zeit und Kraft für's Haben genutzt wird, bleibt logischerweise mehr für's Sein - für die Lieben, die eigenen Träume, Wünsche, Ziele. Es bleibt mehr Raum für die eigene Persönlichkeitsentwicklung und die Suche nach dem eigenen Glück. Dabei hat die 15-jährige Olga sicher andere Prioritäten als der 45-jährige Schorsch und auch eine andere Geschwindigkeit. Zwei Paar Schuhe sind für Schorsch ideal, aber Olga lebt minimalistisch bei zehn. Minimalismus ist vor allem eher ein Weg als ein Ziel, Zustand oder Wettbewerb. Zum Entrümpeln hat Dori folgende Methode: Sich einfach bei jedem Stück zu fragen, ob es wirklich glücklich macht oder nicht.
Die Wirtschaft hingegen hat einen ganz anderen Ansatz zum Glück. Sie fordert mehr zu konsumieren um mehr Auslastung der Firmen zu erzielen, sodass wir mehr Arbeit haben, mehr verdienen und somit glücklicher sind. Kein Wunder, dass Einkaufsbummel in Deutschland zu den beliebtesten Freizeitaktivitäten zählen und Konsum als Weg zur Erfüllung und Zufriedenheit gilt.
So lasset uns alle glücklich sein: Laut statistischem Bundesamt sind die privaten Konsumausgaben 2017 um 3,6 % im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Das ist der größte Zuwachs seit 1994. Mal abgesehen von den dadurch entstandenen Umweltschäden - ist das strahlende Lächeln der Deutschen schon zu sehen?
Man munkelt noch immer. Die Einstellung: „Jetzt hart arbeiten um es später einmal besser zu haben“ aus der Nachkriegszeit scheint die Staatsbürger wohl noch heute in der Nach-Nach-Nachkriegszeit zu prägen und unser Kaufverhalten zu beeinflussen. Sie impliziert, dass viel Besitz, den man sich hart erarbeiten muss, nötig ist, um zufrieden zu sein. Oder ist der Kaufrausch ein kurzfristiges Mittelchen für innere Leere, verschrieben vom staatlich geprüften Dr. Werbung?
Der Philosoph und Sozialpsychologe Erich Fromm schrieb schon 1968: "Zwanghafter Konsum ist eine Kompensation für Angst. Das Bedürfnis nach dieser Art von Konsum entspringt dem Gefühl der inneren Leere, der Hoffnungslosigkeit, der Verwirrung und dem Stress."
Minimalismus ist absolut kein modernes Konzept. Diogenes, der Philosoph zum Beispiel lebte gewählt in einer Tonne. Das Christentum, der Hinduismus und Buddhismus befürworten schon seit Jahrtausenden das einfache Leben. Friedrich Nietzsche spricht von sinnentleertem Materialismus und Henry David Thoreau bewegte 1854 mit seinem Buch "Walden" zum anders denken.
Neu ist der Gedanke also nicht, aber die Möglichkeit der Vernetzung schafft nicht nur neue Wege, sondern auch Herausforderungen. Zerstreuung ist ein enormes Problem in der heutigen Gesellschaft. Menschen klagen über noch weniger Zeit als früher. Kein Wunder, dass Blogs und Bücher über das einfache Leben das Internet und die Geschäfte erklimmen und Workshops und Vorträge Säle füllen. "Minimalismus hat Zulauf", sagt Bernd Vonhoff, Vorsitzender des Berufsverbandes Deutscher Soziologinnen und Soziologen. Das Phänomen sei zwar schwer zu quantifizieren, ziehe sich aber durch alle Bevölkerungsschichten.
„Nachdem ich mein Leben entrümpelt habe, habe ich das Gefühl, dem guten Leben ein Stück näher gekommen zu sein. Denn zu sehen, wie viel Zeug ich angesammelt habe, das ich nicht brauche, hat mir auch gezeigt, wie wenig ich eigentlich brauche. Und all meine Ressourcen, wie Geld, Zeit und Energie, die dabei frei geworden sind, stecke ich jetzt in in dieses gute Leben.“, schreibt die Bloggerin Huong Tran.
Die Vorweihnachtszeit verführt im Moment wieder in die Welt des Shoppens. Gerüche, Farben, die Gewohnheit und das kurzzeitige Glücksgefühl beim Kauf locken dabei besonders. Ohne zu reflektieren wird oft vergessen, welche Auswirkungen dieser Konsum hat - für einen selbst und für die Welt. Sind nicht sogar die wertvollsten Geschenke immateriell? Prüfen wir überhaupt, was wir für unsere langfristige Zufriedenheit brauchen und gehen in die Verantwortung, uns um diese zu kümmern?
Diese Fragen helfen dem eigenen Glück vielleicht auf die Sprünge - bei jedem Kauf, jedem Wohnungswechsel und jeden Morgen vor dem Kleiderschrank. Und vielleicht wird schon bei der nächsten Kleidertauschparty viel gegeben, aber nur wenig mitgenommen.
„Der schlaue Hamster sucht sich ein Rad, das er liebt.“