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Jojo Schulz prägt seit fast zwei Jahrzehnten die kulturelle Landschaft Würzburgs. Als langjähriger Betreiber der Posthalle hat er unzähligen Künstlerinnen und Künstlern eine Bühne geboten und Formate ermöglicht, die sonst keinen Platz gefunden hätten. Für sein Engagement erhielt er jüngst die Kulturmedaille der Stadt. Im Interview spricht er über die kulturelle Zukunft Würzburgs, seine Vision eines Kreativquartiers und seinen eigenen Weg.
Für Dein Engagement in der Würzburger Kulturszene wurdest Du kürzlich mit der Kulturmedaille ausgezeichnet. Welche Rolle sollten Orte wie die Posthalle künftig für die kulturelle Vielfalt in der Stadt spielen?
In der Relevanz für eine vielfältige Kulturlandscha spielen Orte wie die Posthalle eine gleichwertige Rolle zu Orten wie dem Mainfrankentheater. Beide erfüllen völlig unterschiedliche Aufgaben, die sich aber sinnvoll ergänzen und gemeinsam das kulturelle Profil der Stadt tragen. Ich kann der Stadt nur wünschen, dass sie auch nach der Posthalle vergleichbare Orte schaffen kann, die sowohl experimentellen Formaten als auch etablierten Künstlern Raum bieten. Solche Orte sind nicht nur Treffpunkte, sondern wichtige Katalysatoren für Austausch und kreative Entwicklungen. Dafür setze ich mich auch explizit ein, weil ich überzeugt bin, dass eine Stadt ohne diese Freiräume langfristig an kultureller Lebendigkeit verliert.
Wenn Du an Würzburg im Jahr 2035 denkst: Wie sollte die Stadt kulturell aufgestellt sein, damit sie ein lebendiges, vielfältiges und zukunftsorientiertes Umfeld für Kulturschaff ende und Besucher bietet?
Ich wünsche mir für Würzburg und für die ganze Region, dass ein Kultur- und Kreativquartier an anderer Stelle entstanden ist. Ein Ort, an dem Platz für Subkultur, DIY und Ehrenamt gegeben ist und der nicht nur als Projekt, sondern als gelebtes Zentrum funktioniert. Raum zum Entfalten und Entwickeln von kreativen Ideen, die nicht sofort wirtschaftlich bewertet werden. Ein Umfeld, das Mut fördert, neue Impulse setzt und kulturelle Vielfalt selbstverständlich macht. Alle würden davon profitieren – nicht nur die Kulturszene, sondern auch Gastronomie, Bildung, Tourismus und am Ende die gesamte Stadtgesellschaft. Wir sollten schon heute in die Entwicklung einer solchen Vision kommen, damit Würzburg kulturell Schritt hält und neue Perspektiven schafft.
Viele fordern eine stärkere Förderung von Subkultur und nicht-kommerziellen Formaten. Wie viel Mut und Risiko braucht kulturelle Vielfalt aus deiner Sicht?
Es braucht eigentlich keinen Mut, man muss es nur tun. Kulturelle Vielfalt entsteht nicht, wenn man sich immer nur in bekannten Strukturen bewegt. Dafür braucht es Verständnis und Willen, auch eine Förderung jenseits der „etablierten Kultur“ zu ermöglichen und die Bedeutung von niedrigschwelligen, unabhängigen Formaten anzuerkennen. Der Output daraus wird sich vielfach auszahlen – in Form von Innovation, gesellschaftlichem Zusammenhalt, neuen Denkansätzen und einer offenen Atmosphäre, die weit über die Kultur hinaus Wirkung zeigt.
Du hast die Idee eines vielseitigen Kreativquartiers angesprochen. Wie könnte ein solches Zentrum konkret aussehen, und welche Funktionen sollte es für die Stadt erfüllen?
Die Stadt müsste es projektieren und aktiv in die Planungsphase einbinden, damit nicht nur Gebäude entstehen, sondern ein wirklich funktionierendes, lebendiges Gefüge. Der Betrieb müsste vielschichtig und auch aus getrennten, aber kooperierenden Einheiten bestehen. Proberäume, Kreativwerkstätten, ein autonom geführter Club, eine Veranstaltungshalle, gerne auch mit Nebenräumen für Workshops und kleinere Formate. Am besten verbunden mit einer Außenfläche für Open-Air-Optionen, die spontane und vielfältige Nutzung erlaubt. Ein solches Zentrum könnte verschiedene Szenen miteinander verbinden, Synergien schaffen und ein Anlaufpunkt für alle sein, die Kultur nicht nur konsumieren, sondern auch mitgestalten wollen.
Mit der Multifunktionsarena sollen mehr internationale Tourneen und Business-Events nach Würzburg kommen. Wie kann man sicherstellen, dass dabei die lokale Kultur nicht ins Hintertreffen gerät?
Das eine hat mit dem anderen eigentlich nichts zu tun, denn die Arena bewegt sich in einer anderen Größenordnung. Sollte der Invest von Seiten der Stadt für die Multifunktionsarena hoch sein, mag die Stadt dann weniger verfügbare Mittel für die lokalen Kulturträger haben, und das wäre eine reale Herausforderung. Wichtig wird neben der Investition für den Bau einer solchen Spielstätte sein, dass der Spielbetrieb der Multifunktionsarena nicht zusätzlich von Seiten der Stadt subventioniert werden muss. Grundsätzlich fordere ich eine prozentuale Mindestförderung von 5 % des städtischen Kulturhaushaltes für freie Kulturträger, damit diese nicht nur geduldet, sondern gezielt unterstützt werden.
Kürzlich wurde bekannt, dass die Stadt Würzburg die Posthalle für fünf Jahre übernehmen wird. Was denkst du über diesen Schritt – und welche Chancen oder Herausforderungen siehst du darin?
Ich habe mich sehr über die Bereitschaft der Stadt gefreut, dass sie bestimmte Inhalte der Posthalle erhalten möchte. Das zeigt ein Bewusstsein dafür, wie wichtig dieser Ort für die Stadt ist. Der Mietvertrag zwischen Eigentümer und Stadt ist unterschrieben, jetzt gilt es von Seiten der Stadt die Übergangsphase so zu organisieren, dass es in ein tragfähiges Konzept übergeht und für alle Beteiligten fair vonstattengeht. Die jetzt gegebenen 5 Jahre müssen dafür genutzt werden, in den Prozess der Planung eines Kultur- und Kreativquartiers zu kommen, damit langfristig eine echte Perspektive entsteht und nicht nur eine Zwischenlösung, die irgendwann wieder wegbricht.
Der Wegfall der Posthallen GmbH und dein Ausscheiden daraus werfen natürlich auch Fragen zu deiner persönlichen Zukunft auf. Was sind deine Pläne und Visionen für die kommenden Jahre?
Dazu kann ich Stand heute noch nichts Konkretes sagen, da es noch ungewiss ist, wie sich bestimmte Rahmenbedingungen entwickeln. Ich werde aber weiter Konzerte veranstalten, denn das ist seit vielen Jahren ein zentraler Teil meiner Arbeit. Wie und wo ist noch unklar, aber der Wunsch und die Motivation bleiben. Und ich werde mich, wie oben beschrieben, für ein Kultur- und Kreativquartier einbringen, weil ich darin eine große Chance für die Zukunft der Stadt sehe und weil ich überzeugt bin, dass solche Orte gebraucht werden.
Du hast die Posthalle über viele Jahre geprägt – als Veranstalter, Kurator, Netzwerker. Was soll von deiner Arbeit in Erinnerung bleiben?
Ich erhoffe mir, manche Köpfe geöffnet zu haben, dass diese erkennen, wie wertvoll und unverzichtbar auch die sogenannte „Subkultur“ neben der „etablierten Kultur“ ist. Die Posthalle ist Unterfrankens meistbesuchte Kulturstätte der letzten 18 Jahre, viele haben hier ihre ersten Livekonzerte erlebt, ihren Partner fürs Leben gefunden oder einfach nur Glücksmomente gehabt. Es freut mich, wenn diese in Erinnerung bleiben und zeigen, dass Kultur Orte braucht, die nicht perfekt sind, aber lebendig. Wenn Menschen später sagen: „Da hat für mich etwas Wichtiges begonnen“, dann ist das viel wert.
Wenn du auf die letzten Jahre zurückblickst: Was waren die Momente in und mit der Posthalle, die dir im Gedächtnis bleiben werden?
Unzählige! Da gab es wirklich dicke Bretter zu bohren, mit einer äußerst geringen Wahrscheinlichkeit, dass es weitergeht, und doch konnte ich das mit meinem Team immer wieder schaffen. Es waren natürlich bestimmte Konzerte, die mich bewegt haben, wie Skunk Anansie, Dropkick Murphys oder Fishbone. Aber es waren vor allem die karitativen Veranstaltungen wie das über Jahre durchgeführte Weihnachtsessen von St. Egidio, unser Refugees Welcome Fest oder Culture for Peace, bei dem ein Orchester aus ukrainischen und russischen Musikern gemeinsam auftrat. Diese Momente haben gezeigt, dass Kultur manchmal weit mehr leistet, als man in Zahlen ausdrücken kann.