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© Konrad Schmidt
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Die Formation um das aus Lohr am Main stammende Geschwisterduo Eva und Philipp Milner hat sich in den vergangenen 15 Jahren zu einer festen Größe der Indietronica-Szene entwickelt. Gemeinsam mit Schlagzeuger Florian Wienczny erschaffen sie ihren unverwechselbaren Sound zwischen präziser Synth-Architektur und emotionaler Weite. Nach rund fünf Jahren im Studio erschien im Februar das neue Album „Sirens“. Wir sprachen mit Eva über einen intensiven Entstehungsprozess, Realitätsfluchten in einer überreizten Gegenwart und das orchestrale Heimspiel beim Hafensommer.
Fünf Jahre sind im Albumzyklus eine lange Zeit. Warum hat „Sirens“ auf sich warten lassen?
Ganz grundsätzlich sind wir eher von der langsamen Sorte. In den letzten fünf Jahren kam zudem viel zusammen: Phasen intensiver Arbeit, aber auch Monate, in denen andere Dinge wichtiger waren. Außerdem liegt uns sehr viel daran, ein Album erst dann zu veröffentlichen, wenn es für uns abgeschlossen ist. Bis dieser Moment kam und sich richtig angefühlt hat, hat es einfach diesmal länger gedauert. In diesen Jahren ist viel passiert – privat wie gesellschaftlich. Die Welt hat sich stark verändert, und wir uns mit ihr. Und ehrlich gesagt: Wir hatten wirklich zähe Phasen und sind total glücklich, dass es so ein rundes Album geworden ist.
Wenn eine Platte so viele Jahre im Entstehen ist, verschiebt sich oft der Blick auf das eigene Material. Ist das Ergebnis anders als ursprünglich geplant?
Ja, definitiv. Unser Plan zu Beginn war, dass wir ein minimalistisches Album machen – auch vom Sound her. Das hat eher semi-gut funktioniert. Ich glaube, so viele Aufnahmespuren wie bei manchen Songs gab es noch bei keinem anderen Album von uns. Erst mit der Zeit hat sich eine gemeinsame Welt herausgebildet, in der die Songs zusammengehören. Und ganz am Ende gab es diesen einen großen Aha-Moment, als sich alles gefügt hat. Darauf kann man sich einfach verlassen, auch wenn man zwischendurch denkt: Was ist das für ein Murks?
Ihr sagt, es gab diesmal spontane Momente, in denen Entstehung und Song fast gleich lang waren. Wie passt das zu so einem doch recht langen Prozess?
Der lange Prozess bedeutet nicht, dass alles lange dauert. Manche Songs brauchen Jahre, weil man 80 verschiedene Refrains ausprobiert und es jedes Mal nicht passt. Andere Songs entstehen in wenigen Tagen, sie fühlen sich gleich richtig an. Sirens, der Titelsong, ist zum Beispiel in wenigen Tagen entstanden.
Mit „Sirens“ taucht ihr in deine Kindheit ein, inspiriert von Wandelwesen, Mythen und Natur. Was ist die schönste Erinnerung an damals für dich?
Ich habe mit meiner besten Freundin, aber auch mit Philipp Hütten im Wald gebaut. An verschiedenen Stellen rund um unser Dorf hatten wir die unterschiedlichsten Behausungen. Dort haben wir viel Zeit verbracht und uns vorgestellt, wir würden jetzt in der Wildnis leben. Diese Art der Freiheit als Kinder zu haben, hat uns sehr geprägt.
Märchen sind oft auch brutal und sehr moralisch. Sind die Songs eher eine Flucht aus der Realität oder eine andere Art, darüber zu sprechen?
Teils, teils. Es ist diesmal inhaltlich wirklich mehr Realitätsflucht dabei. Aber zum Beispiel Sirens, der Titelsong, handelt vom Kapitalismus und unserer Flucht in Handys. Wir schweben nebeneinander in der Tiefsee, verbunden über unsere Screens, aber eigentlich alleine. Auftauchen aus dem Ganzen ist keine Option, wir stecken zu tief drin.
Philipp ist dein Bruder, Florian dein Mann. Hat diese besondere Konstellation Vorteile im kreativen Prozess oder bremst sie euch auch mal?
Beides. Die Nähe schafft Vertrauen und Ehrlichkeit, aber sie fordert auch Geduld. Und man muss aufpassen, dass man die verschiedenen Beziehungsebenen nicht durcheinanderbringt. Wenn man das gut schafft, hilft es gleichzeitig dabei, Konflikte auszuhalten, ohne die gemeinsame Richtung zu verlieren. Jede Phase unseres Weges hat einen anderen Klangraum mitgebracht.
Viele ziehen in Metropolen um ihre musikalische Karriere voranzutreiben. Wie lebt es sich als Künstlerin in Würzburg?
Ich glaube, Hamburg und die vielschichtige Musikszene waren für unseren Anfang und das Kontakteknüpfen extrem wichtig. Mittlerweile sind wir aber so etabliert, dass es keine Großstadt mehr braucht. In den nächsten zwei Jahren werde ich es meinem Bruder gleich tun und aus der Stadt rausziehen. Ich bin mit den Jahren immer ruhebedürftiger geworden. Aber ich liebe andererseits auch den Park an der Festung und die Möglichkeit, jederzeit rauszukommen, wenn ich möchte. Außerdem hängt ja auch vieles an den Freund*innenschaften, die man hat. Und da bin ich in Würzburg mittlerweile gut aufgestellt.
2020 habt ihr „The Current“ in der Elbphilharmonie aufgeführt, noch bevor das Album erschien. Wie verändert ein so bedeutsamer Raum den Anspruch ans eigene Werk?
Dieser Auftritt war das Tollste, aber zugleich auch das Wahnwitzigste, das wir je gemacht haben. Die Wochen davor waren die stressigste Zeit in unser aller Leben. Für einen Auftritt war das sehr viel Aufwand. Aber es hat sich gelohnt. Davon werde ich noch im Altersheim erzählen.
Ihr inszeniert eure Shows mit eigenem Lichtkonzept und fein abgestimmter Dramaturgie. Wie wichtig ist euch diese visuelle Ebene?
Diese Ebene ist uns von Anfang an immer sehr wichtig gewesen. Unsere Idee: Ein Abend mit uns soll wie der Besuch eines guten Films sein. Wir wollen unser Publikum auf eine Reise mitnehmen. Sie sollen abgeholt und mitgerissen werden, emotional an einem anderen Ort sein und sich danach fragen: Was war das jetzt? Wir arbeiten schon immer mit sehr kreativen und begeisterten Lichttechnikern, die selbst jede Menge Ideen einbringen und uns und unsere Musik begreifen.
Am 24. Juli eröffnet ihr gemeinsam mit dem Philharmonischen Orchester Würzburg den Hafensommer. Worauf freut ihr euch bei diesem „Heimspiel“ besonders?
Es bereitet so viel Freude, die eigenen Songs mit orchestralem Sound zu spielen. Außerdem ist es schön, vertraute Orte mit neuen musikalischen Begegnungen zu verbinden. Wir freuen uns sehr auf die Zusammenarbeit mit dem Orchester. Zudem sind der Hafensommer und die Kulisse mit Sonnenuntergang oder vorbeiziehenden Gewittern jedes Jahr ein absolutes Highlight.
Karten für das Eröffnungskonzert des Würzburger Hafensommers, die Sparda-Classic-Night, können nicht im Vorverkauf erworben, sondern nur im Rahmen einer Verlosung gewonnen werden. Mehr Infos dazu gibt es ab April auf www.hafensommer-wuerzburg.de.
»Sirens« ist am 6. Februar 2026 bei Embassy of Music erschienen.
FRIZZ verlost 2x1 Album auf Vinyl! Bis 31.03.2026 eine Mail mit dem Betreff „Hundreds“ sowie Name und Adresse an verlosung@frizz-wuerzburg.de schicken. Teilnahmebedingungen: www.frizz-wuerzburg.de/verlosung/teilnahmebedingungen
