Große Kunst im kleinen Raum: Seit 1976 prägt das Torturmtheater in Sommerhausen die hiesige Kulturlandschaft. Erst von Veit Relin geleitet, seit 2013 von seiner Frau Angelika, entwickelte sich die Bühne zu einer festen Größe weit über die Region hinaus. Anfang nächsten Jahres endet nach 50 Jahren die Ära Relin. Im Interview spricht Angelika Relin über besondere Inszenierungen, die Nähe zum Publikum und den richtigen Moment für den Abschied.
Ende Februar 2026 werden sie die Leitung des Torturmtheaters niederlegen. Was hat Sie dazu bewogen – und warum gerade jetzt?
1976 hat Veit Relin das Torturmtheater wiedereröffnet. Nun sind 50 Jahre vergangen, die ich von Anfang an erlebt habe, und es scheint mir der richtige Moment, um Adieu zu sagen. Diese Jahre waren aufregend, großartig, spannend – eine Liebesgeschichte, die Spaß gemacht hat. Gleichzeitig schlagen diese 50 Jahre einen wunderbaren runden Bogen von 1976 bis 2006.
Sie haben in den vergangenen Jahren zeitgenössische Stücke ausgewählt und starke Regiehandschriften gefördert. Welche künstlerische Linie war Ihnen dabei besonders wichtig?
Mir war es immer wichtig, aktuelle gesellschaftliche Themen aufzugreifen, die uns alle angehen, die unsere Gäste zum Nachdenken und Diskutieren angeregt haben, ihnen oft auch eine neue Perspektive in ihrem ganz persönlichen Bereich eröffnen konnten. Ich halte nichts von einer seichten Berieselung, in der man sich bequem zurücklehnen kann (abgesehen davon, dass unsere Plätze für so manchen Zuschauer eine Herausforderung darstellen). Theater darf und muss das Publikum auch fordern. Gleichzeitig bin ich der festen Überzeugung, dass Theater, so ernst das Thema auch sein mag, immer auch Spaß machen muss.
In 50 Jahren sind unzählige Inszenierungen, Begegnungen und Erlebnisse zusammengekommen. Gibt es Stücke, die für Sie besonders prägend waren?
In den langen, gemeinsamen Jahren zusammen mit meinem Mann Veit Relin habe ich immer ganz besonders seine Rezitationen am Anfang eines Spieljahres genossen, Abende mit wunderbarer Lyrik oder z.B. die Rezitation von Schuberts „Winterreise“ mit Armin Fuchs am Klavier. Hier haben sich Sprache und Musik gegenseitig genial erhöht und die einmalige Atmosphäre des Theaterfoyers zum Strahlen gebracht. Natürlich auch die vielen Monologe, in denen mein Mann selbst auf der Bühne stand, wie „Der Kontrabass“ von Patrick Süskind oder „Endlich Schluss“ von Peter Turrini. Wiederentdeckungen wie „Karl und Anna“ von Leonhard Frank, Lautensacks „Pfarrhauskomödie“ – es gäbe hier so vieles zu erwähnen. In den Jahren, die ich alleine verantwortet habe, waren mir Autorinnen und Autoren wie Ingrid Lausund oder Philipp Löhle und Wolfgang Herrndorf und deren Stücke wichtig, wie z.B. „Bin nebenan“ von Lausund, oder in diesem Jahr „Ich war ein Mensch“ von Katharina Schlender. Und auch das gerade laufende Stück „Die Entführung der Amygdala“ (hier klicken) – das waren meine Herzensprojekte.
Das Torturmtheater ist trotz seiner kleinen Größe zu einer Institution geworden. Worin liegt für Sie das Geheimnis seiner Strahlkraft?
Zum einen spielt hier natürlich die absolute Nähe eine große Rolle. Das Publikum liebt diesen hautnahen und intimen Kontakt zum Geschehen auf der Bühne. Zum anderen kann man hier nicht lügen, einen falschen Gedanken sieht der Zuschauer in den Augen der Schauspielerinnen und Schauspieler, jeder Atemzug wird wahrgenommen. Eine besondere Herausforderung, aber gleichzeitig auch eine Authentizität, der sich kaum jemand entziehen kann. Das Torturmtheater ist ein Theater der Wahrhaftigkeit.
Nach dem Ende Ihrer Zeit am Torturmtheater: Worauf freuen Sie sich in der kommenden Phase Ihres Lebens?
Zunächst gibt es vom 19. September bis 4. Oktober 2026 eine große Ausstellung im Spitäle zum 100. Geburtstag von Veit Relin. Danach werde ich sehen, was mir begegnet und Spaß macht. Ich war immer ein wacher und neugieriger Mensch, der gerne Dinge auf sich zukommen lässt. Und so wird auch in Zukunft der richtige Augenblick für alles Wichtige und Schöne in meinem Leben entscheidend sein.