© A. Büettner
„Nach oben buckeln, nach unten treten“ – kaum ein Satz beschreibt den Charakter von Diederich Hessling und die Gesellschaft in „Der Untertan“ treffender. Heinrich Mann zeichnet in seinem Roman das Bild eines opportunistischen Bürgers, der Autoritäten blind gehorcht und zugleich Schwächere unterdrückt. Damit entlarvt er nicht nur die Denkweise seines Protagonisten, sondern übt auch scharfe Kritik am wilhelminischen Kaiserreich. Das Theater Ensemble setzt den „Untertan“ neu zusammen.
Heinrich Manns Werk wirft einen schonungslosen Blick auf eine Gesellschaft, in der Gehorsam, Macht und Anpassung den Ton angeben. Im Zentrum steht Diederich Hessling, der sich früh als bedingungsloser Anhänger von Autorität, Militär und nationalem Denken zeigt. Der Roman begleitet seinen Lebensweg vom angepassten Schüler über den ehrgeizigen Studenten bis hin zum einflussreichen Fabrikanten und lokalen Machtträger. Dabei wird deutlich, wie Hessling sich konsequent nach oben unterordnet, um eigene Vorteile zu sichern, während er nach unten mit Härte und Überheblichkeit auftritt. Es ist die Geschichte eines Menschen, der im Kaiserreich groß wird, indem er sich klein macht – und dabei erschreckend erfolgreich ist.
Im Theater Ensemble wird „Der Untertan“ jedoch nicht einfach nacherzählt, sondern neu zusammengesetzt und aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet: aus einer feministischen, einer deutschen und einer migrantischen. Wie liest sich Diederich Hessling, wenn man nicht in diesem System aufgewachsen ist? Wenn der Blick von außen kommt – erkennt man die Mechanismen schneller oder vielleicht sogar anders? Drei Sprachen – Deutsch, Ukrainisch und Türkisch – prägen die Inszenierung und schaffen bewusst Momente des Nicht-Verstehens.
Gerade dort, wo Verständigung brüchig wird, verschieben sich Perspektiven: Wer gehört dazu, wer bleibt außen vor, wer spricht über wen – und wer folgt eigentlich wem? Bewegungen werden ausprobiert, Strukturen entstehen, erst tastend, dann im Gleichklang. Dabei zeigt sich, wie schnell Ordnung entstehen kann und wie verführerisch es ist, sich ihr anzupassen. Diederich Hessling erscheint so nicht als Einzelfigur, sondern als Haltung, vielleicht sogar als Prinzip. Am Ende steht sie schließlich da, diese Frage, nicht als Pointe, sondern als Störung: Sind wir nicht alle ein bisschen Diederich Hessling?