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Seit zehn Jahren bringt „Liebe im Karton“ Weihnachtsfreude zu Kindern, die es im Leben nicht leicht haben. Was 2015 mit einer Idee und viel persönlichem Einsatz begann, ist inzwischen zu einer großen Hilfsaktion gewachsen. Gründer Tobias Winkler blickt auf die Entwicklung des Projekts zurück, erzählt von besonderen Begegnungen und davon, was sich bewegen lässt, wenn Menschen gemeinsam anpacken.
2015 wurde Liebe im Karton ins Leben gerufen. Wie kamst du auf die Idee?
Mein Ziel und auch meine Motivation war es, vielen Kindern mit unseren Geschenkboxen in ihrem schweren Alltag eine Freude zu bereiten. Hier in Deutschland wird oft und gerne geschimpft und gemeckert – viele wissen das Glück, hier geboren zu sein, nicht zu schätzen.
Heute hast du mit der Aktion rund 70.000 Kinder erreicht. Hättest du damals gedacht, dass daraus einmal ein Projekt dieser Größe wird?
Gewünscht hatte ich es mir, aber von dem Ziel waren wir unendlich weit entfernt. Nach jedem Projekt waren unsere Kräfte erschöpft und es war eine Mammutaufgabe, das Projekt jedes Jahr aufs Neue zu starten. Stets sind wir mit null Euro, keinem festen Team und keiner Halle gestartet. Das, was wir uns mühevoll über zehn Jahre aufgebaut haben, war nur möglich, weil ganz viele Helfer, Päckchenpacker und Sponsoren Kraft, Vertrauen, Zeit und Geld in das Projekt investiert haben. Dieses Netzwerk und dieser Zusammenhalt sind die eigentliche Größe des Projektes.
Beim Packen geht es natürlich nicht nur darum, einen Karton mit Dingen zu füllen. Was soll bei den Kindern darüber hinaus ankommen?
Uns geht es um das Gefühl, das wir mit den Boxen transportieren und erzeugen. Daher gilt auch nach über zehn Jahren der Satz: Qualität vor Quantität. Jede einzelne Box soll beim Öffnen strahlen und bei den Kindern Freude erzeugen. Nur dann haben wir unser Ziel erreicht.
Was hat in einem Karton definitiv nichts verloren und gab es schon einmal etwas, das dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Generell freuen wir uns über die wunderschönen Boxen, die gepackt werden. Fast alle haben unser Konzept verstanden und geben sich große Mühe. Ab und an gibt es aber auch Boxen, bei denen wohl noch der Satz gilt: „Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“. Aber doch, das machen wir. Jeder Gegenstand in den Boxen wird von uns kontrolliert, und wenn etwas verbraucht, zerkaut, abgelaufen oder nicht vollständig ist, wird es natürlich aussortiert. Bei einer „Lovebox“ hatte sich jemand entweder einen Scherz erlaubt oder das Projekt nicht verstanden. Die „Lovebox“ war mit Erotik-Gegenständen gepackt …
Bis ein Karton bei einem Kind ankommt, sind viele Schritte nötig. Wie sieht der Weg von der Sammelstelle bis zur Verteilung aus?
Als Erstes müssen alle Boxen in unsere Sortierhalle gebracht werden. Gerade in den ersten Jahren war das eine Mammutaufgabe, da ich alle selbst eingesammelt habe. Bei den deutschlandweiten Projekten erinnere ich mich noch gut an die verdutzten Blicke der Autovermietungen, wenn sie am Wochenende einen Kilometerstand von über 3.500 km auf dem Tacho sahen. In der Halle werden die Boxen zunächst nach Alter und Geschlechtsgruppen vorsortiert. Anschließend geht es an die Kontrolltische: Dort wird jede Box überprüft, zugeklebt und mit einem Kontrollpunkt versehen. Danach werden die fertigen Boxen für die jeweiligen Empfänger- Orgas zusammengestellt und verpackt. Im Dezember heißt es dann: ab auf die Lkws und weiter zu den Orten und Ländern, in denen die Verteilung stattfindet. Alle zwei Jahre gehen unsere Boxen an Kinder von Tafelbesuchern in Franken. In den Jahren dazwischen suchen wir uns Projektländer aus, in denen wir die Geschenke verteilen.
Rund 230 Menschen helfen bei der Weihnachtsaktion in Würzburg mit, viele davon kommen jedes Jahr wieder. Was beobachtest du bei den Menschen, die sich hier engagieren?
Man sieht sehr deutlich, dass wir nicht nur den beschenkten Kindern eine Freude bereiten, sondern dass es uns allen guttut, uns gemeinsam in den Wintermonaten für eine Welt einzusetzen, in der Menschlichkeit und ein friedliches Miteinander großgeschrieben werden.
Hinter den vielen Kartons stehen auch ganz persönliche Begegnungen und Geschichten. Gibt es eine, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Ich erzähle sehr gerne die Geschichte von dem jesidischen Jungen im Irak, der sich am meisten über eine eigene Zahnbürste in seiner Box gefreut hatte. Das Leid, das die Jesiden durch den IS erfahren haben, kann man nur schwer begreifen. Umso mehr freut es mich, dass unsere Boxen auch in die entlegensten und gefährlichen Ecken verteilt werden konnten. Die Reise dorthin war sehr beeindruckend.
In diesem Jahr sollen 12.000 Kartons nach Rumänien gehen. Wie wählst du dort die Partner und sozialen Einrichtungen aus, mit denen du zusammenarbeitest?
Wir waren vor Ort und haben in verschiedenen Regionen mit Sozialministerien, Bürgermeistern, Einrichtungen und NGOs gesprochen und die Gegebenheiten vor Ort angeschaut. Mit vielen dieser Partner arbeiten wir seit Jahren zusammen, wie zum Beispiel der Tabaluga Foundation in Roades, und wissen, dass hier herzlich und gewissenhaft gearbeitet wird. Über diese Kontakte entstehen im Laufe der Jahre neue, zuverlässige Partner.
Neben der Weihnachtsaktion arbeitest du das ganze Jahr über in der internationalen Hilfe und organisierst große Hilfsgütertransporte. Was gehört zu dieser Arbeit und wie greift sie mit Liebe im Karton ineinander?
Zusammengefasst koordiniere ich Hilfsgüterlieferungen in verschiedene Länder. Die Aufgaben sind recht unterschiedlich: von der Generierung und Annahme von Spenden über die Kontrolle der Sachspenden, die Beauftragung und Beladung der Lkws bis hin zur Verteilung in den Zielländern und dem anschließenden Reporting. Das Ziel ist aber immer das gleiche, nämlich den nächsten Lkw auf die Straße zu bekommen. Alle diese Aufgaben sind auch bei Liebe im Karton notwendig. Allerdings sprechen wir hier erstmal von Geschenkboxen, die es zu füllen gilt, und erst später von Lkws.
Du investierst selbst sehr viel Zeit in das Projekt und begleitest es inzwischen seit zehn Jahren. Was hält dich persönlich noch immer dabei?
Ich habe es geschafft, mein Leben so zu gestalten, wie ich mich fühle und die Dinge zu tun, für die ich brenne. Diese Freiheit ist nicht immer einfach und reich wird man damit definitiv nicht, aber ich muss mich nicht verbiegen und Energie in Prozesse stecken, auf die ich gar keine Lust habe. Schlimm finde ich, wenn sich Menschen Woche für Woche auf eine Arbeit schleppen, auf die sie eigentlich gar keine Lust haben. Auch liebe ich das Organisieren, das Miteinander und den Ablauf hinter unseren Projekten. Stets überlegen wir, wie man sich noch optimieren kann und werden von Jahr zu Jahr professioneller.
Du möchtest mit der Aktion auch zeigen, dass Engagement Freude machen kann und Menschen verbindet. Was erlebst du bei Liebe im Karton, dass dir Hoffnung für das Miteinander gibt?
Wenn man etwas bewegen will, muss man vor allem erst einmal sich selbst bewegen, und zwar nicht nur den Mund, sondern sich aktiv einbringen und mit anpacken. Bei uns im Team haben wir genau diese Sorte Mensch, die über ihren Tellerrand schaut, und diese Eigenschaft auch an ihre Kinder weitergibt. Das ist toll anzusehen. Letztes Jahr hatten wir unseren ersten Family Day, an dem die helfenden Kinder im Vordergrund standen.
Viele Menschen haben das Gefühl, dass sie als Einzelne ohnehin nicht viel verändern können. Was würdest du ihnen entgegnen?
Ich habe es getestet und kann es tatsächlich widerlegen. Obwohl es theoretisch nicht möglich ist, habe ich durch meinen Willen und meinen Einsatz eine der größten zivilen Hilfsleistungen für die Ukraine mit über 25.000 verteilten Paletten auf die Beine gestellt. Wichtiger als die Frage, „ob“ etwas klappen kann, ist für mich die Frage nach dem „Wie“.
Zehn Jahre Liebe im Karton haben sicher einiges an Erfahrung gebracht. Was würdest du heute anders machen als zu Beginn?
Das ist tatsächlich schwer zu sagen. Ich denke, alles hat seine Berechtigung und ich würde nicht viel anders machen, denn gerade an schwierigen Aufgaben wächst man. Tatsächlich habe ich auch immer auf mich selbst geachtet und noch mehr auf meine Kinder und Familie. Es war mir immer wichtig, allem gerecht zu werden.
Und was wünschst du dir für die nächsten Jahre von Liebe im Karton?
Ein Koffer mit Geld wäre super (lacht). Nach über zehn Jahren Vollzeit-Ehrenamt müssen wir unser Projekt irgendwie so umstellen, dass die Personen, die hier die meiste Arbeit erledigen, entlohnt werden. Nochmal zehn Jahre schaffe ich persönlich in dieser Konstellation nicht mehr.
Ab dem 15. Oktober können wieder Kartons an den Sammelstellen in der Region abgegeben werden. Wie können Menschen das Projekt in diesem Jahr unterstützen?
Wie jedes Jahr heißt es ab dem 15. Oktober wieder: Auf die Boxen, fertig, los! Schnappt euch einen oder mehrere Leerkartons und gebt diese liebevoll gefüllt bis zum 14. November an einem unserer Sammelpunkte ab. Wer keine Zeit hat, eine Box zu packen, kann uns gerne mit einer Spende unterstützen – wir packen für euch.
Eine interaktive Karte auf der Webseite von Liebe im Karton zeigt alle öffentlichen Sammelpunkte für die Abholung und Abgabe von Päckchen. Dort finden sich auch Möglichkeiten, das Projekt finanziell zu unterstützen.