© Peta Mensing
Im April erscheint mit „Neocortex“ das neue Soloalbum von Thomas D – im Anschluss geht er damit gemeinsam mit seiner Band, den KBCS, auf große Tour. Das Video zum persönlichsten Stück der Platte, „Kurz zu mir“, entstand gemeinsam mit dem Würzburger Filmer Peta Mensing. Wir haben mit den beiden über kollektive Erinnerungen, kreative Ordnung und ihre Freundschaft gesprochen.
Bevor wir über das Gehirn sprechen, wollen wir natürlich wissen: Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt?
Thomas D: Da appellierst du natürlich an einen Teil meines Gehirns, der nicht mehr existiert. (lacht)
Peta: Also, die Geschichte war so: Freunde von mir aus Würzburg, Chris Endres und Mirko Betz, haben in den 90ern das Modelabel „Shoot“ entwickelt, von dem die Fantas damals große Fans waren. Also sind wir zusammen runter nach Stuttgart gefahren und haben Klamotten mitgebracht. Die anderen sind irgendwann abgehauen und Thomas und ich haben die ganze Nacht heftig gefeiert. Seitdem sind wir Friends.
Thomas D: Billig bestochen und unter den Tisch gesoffen. (lacht)
Thomas, dein neues Album heißt „Neocortex“. Was fasziniert dich an dieser grauen Substanz des Gehirns und warum hast du die Platte so genannt?
Thomas D: Das Album war zehn Jahre in the making – neuneinhalb Jahre hatte ich keinen Titel. Ich stelle darauf Nachforschungen zu unserer Identität an: Wer sind wir? Woher kommen wir? Wie denken wir? Es gibt Leute, die hoffen immer, dass ihnen etwas nicht passiert – aber es ist schwierig für unser Unterbewusstsein, dir etwas zu schenken, das du zwar fokussierst, aber eigentlich gar nicht haben willst. Am Anfang habe ich gedacht, ich mache eine psychotherapeutische Platte – wenn man die gehört hat, ist man geheilt. Aber so funktioniert das natürlich nicht.
Es ist ein therapeutischer Ansatz drin und viel Selbstreflexion, aber auch lustige und leichtere Stücke. Irgendwann kam dann dieses geile Wort „Neocortex“ ins Spiel – das ist ein recht junger Teil unseres Gehirns, der für die Verarbeitung zuständig ist. Und das ist es ja, was das Gehirn beim Musikhören macht – es nimmt die Worte und die Klänge auf und verarbeitet sie.
Peta, deine Filmsammlung zuhause wirkt wie ein gelebter Neocortex – penibel sortiert und strukturiert. Wie spiegelt sich diese Ordnungsliebe in einem Videodreh wider?
Peta: Ja, das stimmt, meine Filme sind wirklich ziemlich sortiert. Und ein bisschen überträgt sich das auch auf meine Arbeit. Wenn wir drehen, filme ich oft viele verschiedene Takes an unterschiedlichen Locations – bei diesem Video sind es bis jetzt 14 und es werden sicher noch mehr. Am Ende schneide ich alles zusammen. Es ist schon sehr strukturiert und vielleicht sogar ein bisschen übertrieben beamtenmäßig, wenn ich arbeite, aber ich liebe es!
Thomas D: Wobei Peta von seinem Auftreten her das pure Chaos ist! Eine wunderschöne Erklärung, wenn jemand nicht weiß, was Chaos ist: Es sitzt hier neben mir. (lacht und deutet auf Peta) Aber bei der Arbeit wird aus dem Chaos das Genie, das das Chaos sortiert, sodass ein wunderbares Video entsteht.
Du arbeitest seit Jahrzehnten mit Sprache, Thomas. Hat sich dein Verhältnis zu Worten verändert – wählst du sie heute vorsichtiger oder radikaler?
Thomas D: Ja, das hat sich auf jeden Fall verändert. Worte sind von mir früher leichtfertiger gewählt worden, als ich es mittlerweile tue. Sprache ist ein gewichtiges Werkzeug. Das fängt schon beim Denken an – bevor man überhaupt etwas ausspricht, sind ja schon Worte im Spiel. Und Worte können sehr viel beeinflussen. Worte können verletzen, aufbauen oder Zweifel säen. In meinem Song „Nur Mut“ heißt es: „Ist etwas nicht schlecht, wird es dennoch nie gut. Und deshalb mach aus ‚Keine Angst‘ ‚Nur Mut‘.“
Mit „Kurz zu mir“ blickst du auf dein Leben zurück und erzählst auch von einschneidenden Erlebnissen. Wie ist dieser Song entstanden und welche Bedeutung hat er für dich?
Thomas D: Der Ursprung für den Song war tatsächlich Peta, der gesagt hat: „Alda, wenn du 50 wirst, musst du eine Rede halten und ich mache die Bilder dazu.“ Jetzt bin ich 57 und der Song ist endlich fertig – ich hab also ein bisschen länger gebraucht (lacht). Das war mit Sicherheit auch dem Umstand geschuldet, dass das kein leichtes Unterfangen war. Was erzählt man? Was lässt man weg? Über was will man reden? Über was muss man reden? 57 Jahre kann ich nicht komplett in einen Song packen. Und wer mich kennt, weiß, dass ich das persönlich nehme – ich verstelle mich nicht, denn es geht um mein Leben.
Außerdem ist das natürlich auch noch Rap-Musik. Das heißt, ich will gute Reime haben, das Ganze in einen schönen Flow verpacken und Witz reinbringen. Ich möchte aber auch die Ernsthaftigkeit mancher Situationen verdeutlichen. Einige Passagen haben mich lange beschäftigt, wie zum Beispiel die Tsunami-Strophe – die hat mich sechs Jahre gekostet. Das war echt eine große Aufgabe. Ich bin sehr stolz auf diesen Text und ich staune über die Reaktionen: Als ich den Song vor dem Release bei einem Konzert spontan a cappella gebracht habe, waren viele Leute echt berührt und überrascht, dass ich so viel Persönliches preisgebe.
Uns hat der Song auch sehr berührt. Meinst du, das liegt daran, dass man beim Hören automatisch anfängt, das eigene Leben zu reflektieren?
Thomas D: Das ist ähnlich wie bei einem kollektiven Erlebnis wie beispielsweise 9/11 – jeder war woanders, aber alle wissen noch genau, was an diesem Tag passiert ist. Mein Leben ist parallel zu eurem Leben verlaufen. Deswegen gibt es da natürlich einige Gemeinsamkeiten, das ist ja das Schöne. Und es ist auch Storytelling: Wenn ein guter Rap eine Geschichte erzählt, hört man zu und fühlt mit. Bei „Kurz zu mir“ ist es natürlich noch viel direkter – auch wenn nicht jeder das Gefühl kennt, im Tsunami fast zu ersaufen, erinnert man sich vielleicht an Situationen, bei denen man gedacht hat: „Das hätte auch ganz leicht schiefgehen können.“
Der Song ist eine Art Rede an Freunde und Weggefährten. Peta, wie hast du ihn als Freund erlebt, als du ihn zum ersten Mal gehört hast?
Peta: Natürlich Gänsehaut. Da fallen einem viele alte Erinnerungen wieder ein – zum Beispiel, wie wir hier auf dem M.A.R.S. vor 20 Jahren mit Nilz Bokelberg und anderen Leuten gefeiert haben. Ich freue mich natürlich, dass ich das Video zu dem Song machen darf, und bin sehr dankbar, dass ich so einen treuen Freund habe – bis in die Endlife-Crisis.
Thomas D + Peta: (lachen) … auf die wir uns stark zubewegen.
Peta: Und ich möchte darauf hinweisen, dass die Platte auch noch andere sehr schöne und emotionale Lieder hat. Besonders das eine, mit einem ganz tollen Gastauftritt ...
Thomas D: Du meinst den Song „Federleicht“. Den habe ich vor zehn Jahren geschrieben, und mir war klar: Den Refrain kann ich selbst gar nicht singen. Der braucht eine andere Stimme. Und irgendwann dachte ich: Eigentlich müsste das Reinhard Mey sein. Und tatsächlich ist er jetzt auf meiner Platte. Ich habe einfach gefragt – und vier Stunden später kam die Zusage. Das war einer dieser Momente, in denen ein Traum wahr wird.
© Peta Mensing
„Kurz zu mir“ klingt fast beiläufig, obwohl es um so ein großes Thema wie dein Leben geht. Warum hast du dich für einen so zurückhaltenden Titel entschieden?
Thomas D: Titel waren bei dieser Platte tatsächlich eines meiner größten Probleme. Der Song hieß lange einfach „Eine Rede“ und auch mal „Mein Leben“ oder „Auf euch, meine Freunde“. Aber das klang mir alles zu pathetisch. Ein guter Freund und Co-Texter brachte dann irgendwann „Kurz zu mir“ ins Spiel. Und ich mochte sofort die Ironie darin. Der Song dauert fünfeinhalb Minuten und ist eine sehr persönliche Rückschau auf mein ganzes Leben – und dann heißt er einfach „Kurz zu mir“. (lacht) Das hat etwas Unaufgeregtes, Unverbindliches. Genau das fand ich schön. Außerdem taucht die Formulierung im Text auf, dadurch schließt sich der Kreis. Und ehrlich gesagt passt das auch ganz gut zu diesem Album insgesamt: Man sollte es nicht nach seinen Titeln beurteilen. Manche Songs sind absichtlich ein bisschen schräg oder widersprüchlich benannt.
Du filmst hier nicht nur einen Künstler, sondern einen langjährigen Freund. Wie verändert diese Nähe deinen Blick durch die Kamera?
Peta: Es macht das Ganze einfacher, weil es unkompliziert ist. Du musst nicht sagen: „Ey, zieh bitte wieder deine Klamotten an“, du kannst ihn einfach nackt filmen – wie immer. (lacht) Und durch die lange Zusammenarbeit mit den Fantas ist natürlich Vertrauen da – die Jungs wissen, dass sie bei mir in guten Händen sind.
Thomas D: Das stimmt. Der Peta ist schon so lange so ein enger Freund, dass wir ihm auch mit den Fantas voll vertrauen. Und wenn er sagt: „Stell dich mal da hin, zieh dir die Mütze über den Kopf und schrei ganz laut ‚Ich sehe euch nicht mehr‘“, dann machen wir das halt, das wird schon einen Grund haben. Das ist das Schöne an unserer Zusammenarbeit – wir sind alle so bescheuert, dass es echt gut matcht und dass da wirklich sehr lustige Sachen bei rausgekommen sind.
Peta: Vielen Dank. Ich hab euch auch alle lieb – und dich am meisten.
Mit zunehmendem Alter verschiebt sich oft der Fokus im Leben. Was ist dir heute wirklich wichtig, Thomas?
Thomas D: Die Familie natürlich. Und meine Songs solo zu spielen mit meiner Band. Da geht es gar nicht um ein großes Publikum – ich habe schon beim Soundcheck geweint, weil ich es selber so geil fand. Ich hatte ja lange kein Solo-Live-Ding und habe das unterschwellig vermisst, bis ich dann meine Band, die KBCS, gefunden habe – seitdem kann ich dieser Leidenschaft wieder nachgehen, das ist echt schön. Trotzdem: Das Wichtigste im Alter sind die Beziehungen zu anderen Menschen und natürlich die Gesundheit. Das merkt man erst, wenn man sie nicht hat und es mal hier ziept und mal da ziept. Aber wie hat mein Vater mal so schön gesagt: „Wenn ich morgens aufwache und mir tut nichts weh, dann bin ich tot.“
Tourtermine + Tickets: www.thomasd.de
»Neocortex« erscheint am 17. April 2026 auf Vinyl und CD bei Rekord Music and Distribution.
FRIZZ verlost 2x1 Album auf Vinyl! Bis 30.04.2026 eine Mail mit dem Betreff „Neocortex“ sowie eurem Namen und Adresse an verlosung@frizz-wuerzburg.de schicken. Teilnahmebedingungen: www.frizz-wuerzburg.de/verlosung/teilnahmebedingungen