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Vor rund einem Monat übernahm Jenny Weissgerber die Geschäftsführung des Stadtmarketings „Würzburg macht Spaß“. Die ehemalige Unternehmensberaterin und Projektmanagerin möchte die Stadt nicht neu erfinden, sondern Menschen zusammenbringen. Im Gespräch erzählt sie, warum Zuhören für sie wichtiger ist als schnelle Lösungen, weshalb ihr Kopf manchmal wie ein Pinterest-Board funktioniert und was der stationäre Handel bietet, das kein Onlineshop jemals ersetzen kann.
Seit dem 1. Juli sind Sie Geschäftsführerin von „Würzburg macht Spaß“. Mit welchem Gefühl sind Sie in diese neue Aufgabe gestartet?
Mit einem guten. Mit einer Mischung aus Vorfreude, Neugier, Aufregung und der Anspannung, ob alles gut klappt. Das ist für mich ein sehr angenehmes Gefühl, ich fühle mich dadurch sehr aufmerksam und fokussiert.
Ihr beruflicher Weg führte Sie vom Einzelhandel über die Selbstständigkeit und Unternehmensberatung bis hin zu internationalen Projekten. Was hat Sie an Würzburg und der Aufgabe im Stadtmarketing gereizt?
Dass die Position so vielfältig ist und kein Tag dem anderen gleicht. Das Aufgabengebiet ist breit und so kann ich – hoffe ich – aus meinem Erfahrungsschatz viel rausziehen und einsetzen. Ich mag das Arbeiten mit meinem Team – den großartigen Damen im Büro – aber auch mit dem Vorstand, Beirat und den Mitgliedern.
Sie waren u. a. auch für den Online-Riesen Amazon tätig. Welche Erkenntnisse aus der Zeit helfen Ihnen jetzt dabei, den lokalen Handel zu stärken?
Da fällt mir Verschiedenes ein. Zum einen Neugier, Hartnäckigkeit und der Fokus auf das Verhalten und die Bedürfnisse von Kund:innen par excellence. Zum anderen permanenter Verbesserungswille. „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“ klingt komisch, ist allerdings langfristig meist so. Ich muss mich neuen Bedarfen anpassen.
Das heißt nicht, dass jetzt jeder noch etwas ganz anderes machen soll oder sein Angebot verwässert, sondern dass es ein immerwährender Prozess ist, für den man offen sein sollte. Und auch, was der Online-Handel nicht kann – jemanden anlächeln, ganz persönlich beraten, die Zwischentöne spüren. Das ist die Chance der stationären Angebote!
Sie kommen aus dem Odenwald und betrachten Würzburg mit einem unverstellten Blick. Wo sehen Sie die größten Stärken der Stadt und wo das größte ungenutzte Potenzial?
Würzburg hat einen ganz besonderen Charme. Der Mix aus Kultur, Wissenschaft, Spitälern, Weinbergen und dem Mainufer ist mindestens selten, wenn nicht sogar einzigartig. Die Menschen mögen es hier, was unter anderem die touristischen Zahlen zeigen. Potenzial hat sicher das Wohlbefinden, besonders bei Hitzewellen, und die Frage „Wie machen wir Würzburg das ganze Jahr über angenehm erfahrbar und lebenswert?“ – für Besuchende, Einheimische und alle, die zum Arbeiten herkommen.
Viele Menschen wünschen sich heute wieder mehr echte Begegnungen statt nur Online-Shopping. Was muss eine Innenstadt bieten, damit sie zu einem Ort wird, an dem man gerne Zeit verbringt?
Sie muss gut erreichbar, sauber und ansprechend sein und ein sicheres Gefühl vermitteln. Es sollte Begegnungsorte und Verweilplätze für Jung und Alt geben, an denen man sich – auch mal konsumfrei – aufhalten kann und mag. Grünflächen und Pflanzen für mehr körperliche und geistige Resilienz, gute, möglichst einheitliche Öffnungszeiten, barrierefreie Wege und Angebote für Menschen mit Behinderungen sind ebenso wichtig. Die Erreichbarkeit für alle Verkehrsteilnehmenden ist sicherlich die größte Schwierigkeit in den meisten Städten.
Wenn es nach Ihnen geht, sollen Kultur, Handel und Erlebnis künftig stärker miteinander verschmelzen. Welche Ideen oder Formate schweben Ihnen dabei vor?
Für jetzt beobachte ich aktuelle Formate und lasse alles noch ein bisschen wirken. Mein Kopf ist oft wie ein Pinterest-Board – ich sammle Eindrücke aus Gesprächen, Social Media, Zeitungen oder Podcasts und entwickle daraus dann irgendwann Ideen. Manchmal gibt es auch die Möglichkeit, etwas zu reaktivieren, oder tolle Beispiele aus anderen Städten.
Sie möchten die digitale Präsenz von „Würzburg macht Spaß“ ausbauen. Wie stellen Sie sich ein modernes Stadtmarketing im Jahr 2026 vor?
Präsent, informativ, unterstützend, beratend, mit Stadtentwicklung vertraut, mit großen Ideen und sehr viel Sichtbarkeit. Für Themen, für Menschen, für die Stadt. Stadtmarketing hat sich in den letzten Jahren gewandelt und wird zudem überall etwas anders verstanden; die besten Zukunftskriterien für uns erarbeiten wir gerade. Jede Innenstadt hat ihre Herausforderungen.
Welche Ideen haben Sie, um Bereiche wie die Kaiserstraße langfristig attraktiver zu machen und Leerständen entgegenzuwirken?
Es gibt sehr viele auch bereits erprobte Leerstandskonzepte oder Ideen, wie man Straßenzüge verschönert. Ich würde für heute mal woanders ansetzen. Wir wollen im Grunde alle das Gleiche, nämlich eine attraktive, schöne Stadt – und da sind dann auch alle gefordert. Den Vermietenden bringt es nichts, die Mieten in immense Höhen zu schrauben, wenn das zur Folge hat, dass sich der Laden die Mitarbeitenden nicht mehr leisten kann und am Ende rausgeht.
Dieser negative Kreislauf kann dann auch schnell kippen und ganze Straßenzüge werden uninteressant für neue Geschäfte. Also wäre ein Punkt, auch mal dort anzusetzen. Und bei der Neuvermietung würde ich mich auch freuen, wenn darüber nachgedacht wird, was in der Straße noch fehlt bzw. was sie aufwerten könnte, und was eben nicht. Das Gleiche gilt auf der anderen Seite: Manchmal weiß man nicht, wo man etwas findet, und dann ist es online schneller bestellt. Dennoch plädiere ich dafür: Wenn man es sich zeitlich und vom Geldbeutel leisten kann, sollte man immer Angebote hier vor Ort nutzen!
Sie wissen aus eigener Erfahrung, wie viel Mut und Energie es kostet, ein eigenes Unternehmen aufzubauen. Hat das Ihren Blick auf inhabergeführte Geschäfte verändert?
Ich weiß, wie frustrierend es sein kann, wenn man das Gefühl hat, das eigene Angebot interessiert keinen, aber auch, wie es sich anfühlt, vom Ansturm überrannt zu werden. Und wie viel Energie einem zum Beispiel bürokratischer Irrsinn rauben kann. Deshalb habe ich auch echte Hochachtung vor Unternehmen, die das gut bewerkstelligen. Andererseits sehe ich auch immer wieder das Gegenteil – es wird zwar gemeckert, aber sich selbst nicht um Sachen wie Zielgruppe, Ware, Beratungsleistung usw. gekümmert und quasi erwartet, dass jemand anderes die passende Kundschaft bringt. Das funktioniert einfach nicht.
Sie möchten den Verein nicht vom Schreibtisch aus führen. Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus – wird man Sie häufiger in der Innenstadt treffen?
Daten sind nicht nur Zahlen, sondern auch Rückmeldungen von z. B. Mitgliedern. Ich habe nicht vor, den ganzen Tag Kaffee trinken zu gehen, aber Gespräche sind wichtig, um ein Gespür für die Stadt zu bekommen, die Stadt ansehen, um Ideen zu bekommen und auch, um Vorschläge anderer beurteilen zu können. Andererseits gibt es Projekte und Aufgaben, die wir im Team bearbeiten. Wir schauen auch innerhalb unserer Organisation nach neuen Möglichkeiten zur Vereinfachung von Abläufen. Und drittens gibt es – jetzt ganz aktuell – die Umsetzung des Stadtfestes, wo ich das Team unterstütze.
Ich finde es wichtig, dass man anderen zuhört und auch mal andere Meinungen zulässt – viele haben das verlernt, interessieren sich nicht wirklich und wollen Recht behalten. Für mich sind wichtige Werte Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Engagement und auch Positivität. Schwarzmaler rauben mir Energie, und die setze ich lieber dafür ein, dass das, was wir gerade anpacken, noch besser wird.
Wenn Budget, Bürokratie und Zuständigkeiten für einen Tag keine Rolle spielen würden – welche Idee würden Sie sofort umsetzen?
Zeit dürfte auch keine Rolle spielen. Dann würde ich erst allen Schurken das Handwerk legen, gerade im Bereich Onlinekriminalität. Und danach die eierlegende Wollmilchsau erfinden, die alle Verkehrsformen barrierefrei und gut miteinander verknüpft und Würzburgs Erreichbarkeit verbessert.
Unsere Stadt hat viele schöne Orte. Haben Sie schon Ihren persönlichen Lieblingsspot entdeckt, an dem Sie sich öfters aufhalten werden?
Ich bin ja noch nicht so lange hier und entdecke noch neue Orte. Ich mag gerne aufs Wasser schauen, also ist es am Main für mich sehr fein. Aber auch der kleine Garten am Dom hat besonderen Charme.
Angenommen, wir schlendern an einem Samstagnachmittag im Jahr 2030 durch Würzburg. Woran erkennen wir sofort, dass Ihre Handschrift das Stadtmarketing geprägt hat?
Im besten Fall an nichts, was mich widerspiegelt, sondern daran, dass Würzburg schön belebt ist, Menschen bummeln, die Innenstadt nach wie vor einen guten Gewerbemix hat, die Stadt blüht und grünt und uns die meisten Leute anlächeln.