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Max Gehlofen zählt zu den profiliertesten Künstlern der fränkischen Gegenwartskunst. Der Bildhauer und Performancekünstler wurde unter anderem mit dem Debütantenpreis des Freistaats Bayern, dem Kulturförderpreis der Stadt Würzburg und zuletzt mit dem Gunther-Ullrich-Preis ausgezeichnet. In seinen Arbeiten verbindet er Skulptur, Zeichnung, Performance und Esskultur zu einer eigenständigen künstlerischen Praxis. Anlässlich seiner aktuellen Ausstellung „Zwischenmenschen“ in der BBK-Galerie im Kulturspeicher Würzburg (Vernissage 17.7., 19 Uhr) sprachen wir mit ihm über Essig als künstlerisches Medium, die produktive Kraft des Kontrollverlusts, die Kunst des gemeinsamen Essens und die Frage, wie Mensch, Material und Umwelt miteinander verbunden sind.
In deiner aktuellen Ausstellung „Zwischenmenschen“ präsentierst du Figuren, die sich einer eindeutigen Zuordnung entziehen. Was erzählen diese Wesen über uns selbst?
Die Figuren funktionieren auf verschiedenen Ebenen. Sie sind gewissermaßen Abbildungen nicht eingetretener Möglichkeiten. Ich bin überzeugt davon, dass die äußere Form der Dinge nicht begrenzt ist und sich ohnehin ständig verändert. Auch unsere Körper sind eher geteilte Räume als feste Dinge. Nur durch unsere Wahrnehmung erscheinen uns die Dinge vertraut oder normal. Außerdem sehe ich auch das Zwischenmenschliche in diesem Wort, diese Demut vor menschlichen Beziehungen, die uns durchs Leben tragen. Unheimlich wichtig ist es mir, mit diesen Arbeiten den Zustand des Dazwischen darzustellen.
Alles ist eine Momentaufnahme, die Gegenwart ist in Bewegung, immer. Nichts hat jemals aufgehört. Alles ist eins, weil alles von Anfang an gleich war. Schließlich gibt es noch eine pragmatische, aber nicht weniger wichtige Botschaft. Die Arbeiten entstehen ohne Zusatzenergie, nur mit Handwerkzeugen. Die Stücke sind nur so groß, dass ich sie selbst bewegen kann. Da bedingt die konzeptuelle Strenge auch die Form, weil sich die „Zwischenmenschen“ eben aus verschiedenen Teilen auftürmen. Ich versuche, Nachhaltigkeit überall mitzudenken, und will so eine neue Ästhetik finden. Eine Art ökologischen Realismus.
Du setzt Essig selbst an und lässt ihn den Kalkstein über Monate bearbeiten. Was fasziniert dich an Prozessen, die sich deiner Kontrolle entziehen?
Mich begeistert, dass wir oft nur staunend zurücktreten müssen, um das wirklich Interessante zu sehen. Die meisten Dinge passieren von selbst, weil sie auf die ein oder andere Weise in sich funktionieren. Wir sind nur ein Teil dieser wundersamen Geschehnisse. Kompetenz ohne Verständnis verlangt von uns Akzeptanz und Vertrauen in die Prozesse der Umwelt. Ich sehe es nicht wirklich als Kontrollverlust, sondern vielmehr als eine Art Verschmelzung mit der Welt.
Mit den Mikroorganismen in der Küche ist es ähnlich wie mit Hunden oder Pferden: Sie wurden über Jahrtausende von uns verändert. Eigentlich sind die Bakterien überall in Luft und Boden, wir machen sie uns nur zunutze und geben ihnen gute Lebensbedingungen, damit sie ihren Zauber für uns vollziehen. Das ist wie eine Komprimierung von Jahrtausenden der Kulturpraxis in einem Tonkrug oder dann eben als Mitarbeitende an der Skulptur.
Du hast mal gesagt, dass beim Arbeiten Denken und Handeln für dich verschmelzen. Gibt es Momente, in denen das Material schneller denkt als du selbst?
Ja, wenn man das so sagen kann, bestimmt. Ich beschäftige mich schon lange mit einem unmittelbaren Ansatz beim Arbeiten und verwende für nichts eine Vorlage. Dadurch entsteht etwas, das freier sein kann als meine Vorstellung. Ich versuche, nicht gefangen zu sein in meinem Kopf. Da hilft es manchmal sogar, wenn das Material „mitmacht“. Wenn beispielsweise am Stein mehr abbricht als erwartet, zwingt mich das zu neuen, anderen Wegen, die ans Ziel führen.
Insgesamt sind die Formen der Ergebnisse weniger relevant, beziehungsweise fühlt es sich immer mehr so an, als wäre der Prozess das eigentliche Ergebnis. Das Faszinierende ist der Moment der Kongruenz von Denken und Handeln. Es entsteht etwas, das mich antreibt, weil ich das Gefühl habe, wirklich lebendig zu sein, so als würden die Dinge plötzlich Sinn ergeben. Gewissermaßen wird man wieder ein Teil des Ganzen.
Du arbeitest ohne Vorzeichnungen und zerstörst manchmal bewusst Dinge, um weiterarbeiten zu können. Was entsteht in diesen Momenten, das du auf direktem Weg nicht finden würdest?
Ich versuche, Chaos und Zufall mitspielen zu lassen, weil ich denke, dass diese Begriffe nur Grenzen in unseren Köpfen sind. Das gibt es eigentlich außerhalb unserer Wahrnehmung oder Vorstellung gar nicht. So entsteht genau das, was Menschen nicht einfallen würde, weil sie meist zu starr denken, zu beschränkt. Vielleicht versuche ich hier vor allem, mich selbst zu überwinden, um zu zeigen, dass man sich nicht zu ernst nehmen sollte. So kann ich die Unschärfe darstellen zwischen Realität und menschlichem Blick.
In einer Welt, in der alles jederzeit von überall verfügbar ist, suchst du oft das Naheliegende. Was findest du im Muschelkalk vor der Haustür, das ein Stein aus Carrara nicht erzählen kann?
Ausgehend von meiner Praxis als Koch habe ich bemerkt, dass die Vorzüge von lokaler Produktion unschlagbar sind. Es schmeckt besser, verbraucht weniger Ressourcen, stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt und ist gut für den Körper. Diese Grundsätze würde ich gerne in meine künstlerische Praxis übertragen. Es gibt da keine Wertung, das sind in meinen Augen wieder menschliche Verständnisgrenzen, die dazu führen, eine globalisierte Welt anzupreisen.
Hier öffnet sich auch eine weitere Ebene der „Zwischenmenschen“. Wesen, die nicht wissen, wohin mit sich. Wer bin ich? Wer will ich sein? Was mache ich eigentlich hier? Die großen Fragen kann jedes Material stellen. Ich finde es unheimlich spannend, aus den scheinbar profanen oder naheliegenden Materialien wirklich energetische Formen zu gestalten.
Unter dem Motto „Spiel mit dem Essen“ veranstaltest du immer wieder Performance Dinner, wie aktuell am 23.7. im Café Centrale oder bei Veranstaltungen aller Art. Was reizt dich an dieser Form der Begegnung?
Mich reizt es vor allem, in die Köpfe der Menschen zu kommen, um dort etwas anzustoßen. Essen ist unumgänglich wichtig, alternativlos und unendlich. Alle müssen essen, weil alle verbunden sind mit der Welt. Die meisten wissen nur nicht mehr, wo die Verbindung ist und warum sie da sein könnte. Ich will Wege aufzeigen, die Welt anders wahrzunehmen. Einzutauchen in den Kreislauf des Lebens, indem man im Akt des Verzehrens buchstäblich eins wird mit der Welt. Viele der oben beschriebenen Grenzen im Kopf und festgefahrenen Denkmuster lassen sich hier finden und aufbrechen. Außerdem ist es wichtig, auch hier Teil des Herstellungsprozesses zu sein.
Die Dinge sind nicht ihr Ergebnis, sondern vielmehr der Weg dorthin. Was wird worin wie lange gegart? Wo kommt das Gemüse her? Wie wächst es und wer hat es zu uns gebracht? Wie viel Energie brauche ich für Produktion und Zubereitung und wo kommt diese Energie her? Worauf ist das Essen angerichtet und mit welchem Werkzeug kommt es in meinen Mund? Was passiert im Mund und in mir selbst? Wie kommt die Energie aus der Nahrung in mich hinein und was ist eigentlich „mich“? Bin ich nicht das, was ich zu mir nehme? Da scheint ein normales Abendessen plötzlich nur noch aus Fragen zu bestehen.
Für dieses Projekt hast du den Satz geprägt: „In uns ist alles, was uns umgibt.“ Was steckt hinter dieser Überzeugung?
Unser Körper lebt. Alles an euch und an mir ist aus dem Essen gemacht, das wir zu uns nehmen. Es findet seine Form durch die Information in unseren Zellen und die physikalischen Gegebenheiten der Umgebung.
Du arbeitest auch mit Kindern und Jugendlichen an Schulen. Welche Vorstellung von Kunst versuchst du ihnen auszutreiben und welche möchtest du ihnen gerne mitgeben?
Keine Angst haben vor sich selbst und all dem, was in einem drin ist. In meinen Augen ist Kunst genau das Gegenteil von einem klassischen Schulfach und kann eine Art Schutzraum sein. Hier gibt es kein Richtig oder Falsch. Vielmehr will ich den Kindern vermitteln, dass sie selbst die Zügel in der Hand haben, und sie zu vollständigen freien Handlungen ermutigen.
Du hast deinen Instagram-Account gelöscht, obwohl Sichtbarkeit heute fast als Voraussetzung für künstlerischen Erfolg gilt. Was hat dich zu diesem Schritt bewogen?
Ich habe Instagram lange selbst benutzt und irgendwann gemerkt, dass es sehr vieles vereint, das ich abstoßend finde. Erfolg ist eine Frage der Definition. Geld, Likes, Views, Klicks, Relevanz, Sinnhaftigkeit oder was auch immer die Menschen als Erfolg ansehen, ist wieder nur ein Konstrukt unseres Geistes, von dem ich mich nicht abhängig machen will. Kann es Kunst auf Instagram beziehungsweise im digitalen Raum wirklich geben? Meine Arbeit lebt davon, ohne zwischengeschaltetes Medium gesehen zu werden. Mir ist die direkte und intensive Wahrnehmung der Objekte wichtig. Sie sind für Menschen gemacht, die ganz anwesend sind. Nicht für den Konsum als kleine, zweidimensionale Abbildung auf einem Bildschirm. Das Informationsmonster musste raus aus meinem Kopf. Es tut nicht gut.