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Das Zukunftshaus war das erste seiner Art in Deutschland. Wie kamt ihr damals auf die Idee und woher habt ihr eure Inspiration genommen?
Die Idee entstand aus der Erkenntnis heraus, dass wir mit einem „Immer-Höher-Immer-Schneller“ und einer begrenzten Erde nicht so weitermachen können wie bisher, sondern Konsumformen einfach und alltagstauglich werden müssen, die einerseits die begrenzten Ressourcen und andererseits den Wunsch nach einem guten Leben im Blick haben. Also regionale Produkte kaufen, mieten, tauschen und reparieren. Solche Angebote gab es natürlich schon vorher, nur waren sie alle nicht wirklich leicht zu nutzen. Das wollten wir ändern und haben es auch getan.
Euer Haus trägt die Zukunft bereits im Namen. Was hat sich in den vergangenen vier Jahren anders entwickelt, als ihr es erwartet hattet?
Im Großen und Ganzen entwickelt es sich wie erhofft, auch wirtschaftlich, nur langsamer als geplant. Das liegt vermutlich daran, dass ganz neue Konzepte nicht sofort angenommen werden, und noch viel mehr daran, dass die Thematik der Nachhaltigkeit durch andere Krisen in den Hintergrund geraten ist.
Welche Herausforderungen oder schwierigen Phasen musstet ihr in den vergangenen vier Jahren bewältigen?
Die größte Herausforderung war es, die ersten Jahre durchzuhalten und den Glauben nicht zu verlieren, dass unser Konzept am Ende Erfolg haben wird. Da haben uns viele Menschen als Kund:innen und Mitglieder der Genossenschaft und des Vereins immer den nötigen Mut und die nötige Kraft gegeben. An dieser Stelle ein großes Dankeschön dafür.
Das Zukunftshaus vereint Kaufen, Mieten, Reparieren und Tauschen. Welcher der Bereiche wird besonders gut angenommen und in welchem möchtet ihr noch mehr Menschen erreichen?
Tatsächlich werden alle vier Bereiche gut genutzt. In den ersten Jahren haben wir fast 2.000 Elektrogeräte reparieren lassen und an die 4.000 Gegenstände vermietet. Weit über 100.000 Dinge fanden im Tauschbereich ein neues Zuhause und unzählige nachhaltig produzierte Gegenstände wurden im Zukunftshaus gekauft. Am meisten Luft nach oben gibt es beim Mieten. Hier würden wir uns wünschen, dass noch viel mehr Menschen unser tolles Angebot mit über 300 Mietartikeln entdecken und Sachen nicht gleich kaufen, sondern das Mieten mal ausprobieren.
Welche Gegenstände werden besonders oft ausgeliehen, getauscht oder zur Reparatur gebracht? Gab es schon besonders ungewöhnliche Stücke?
Werkzeug wird am meisten ausgeliehen und zur Reparatur werden oft Musikgeräte oder Küchengeräte wie Mixer und Wasserkocher gebracht. Aber auch eine Gummibärchenmaschine wird gemietet und in der Reparatur landeten auch schon ein kleiner Heißluftbläser für das Gewächshaus oder das Raumschiff Enterprise in Modellgröße, bei dem die Beleuchtung nicht mehr funktionierte.
Welcher Gegenstand, der repariert, verliehen oder getauscht wurde, erzählt für euch die schönste Geschichte über den Wert der Dinge?
Kein Gegenstand, sondern eine Begegnung. Eine Kundin hatte fünf tolle Sachen im Tauschraum abgegeben. Weil sie das Konzept und die Möglichkeit, Dinge wertschätzend weiterzugeben, so glücklich gemacht hatten, legte sie zusätzlich 20 Euro in die Spendenbox, um die Mietkosten zu unterstützen.
An manchen Dingen hängen wir, andere werfen wir beinahe gedankenlos weg. Was habt ihr in vier Jahren Zukunftshaus über die Beziehung der Menschen zu Gegenständen gelernt?
Dass viele Menschen sich wünschen, es wäre anders und sehr froh sind, im Zukunftshaus die Möglichkeit zu bekommen, es anders zu machen. Ihr müsstet mal sehen, wie sich die Leute freuen, wenn sie ein Tütchen voll Korken oder eine abgebrannte Kerze in eine unserer Sammelboxen zum Recycling für unsere Lieferanten geben. Niemand will eine Wegwerfgesellschaft.
Viele Menschen wünschen sich mehr Nachhaltigkeit, entscheiden sich aber doch für das günstigere Produkt. Ist der Preis tatsächlich das größte Hindernis?
Ja, aus meiner Sicht ist das so. Ein zweiter Punkt ist die Umständlichkeit: Nachhaltigkeit ist komplex und es ist nicht leicht, alles richtig zu machen. Und genau hier setzt das Zukunftshaus an: Alles ist an einem Ort mitten in der Stadt möglich und kann Schritt für Schritt entdeckt und genutzt werden. Und durch das kostenlose Tauschen, günstige Mieten und Reparieren wird der Alltag nicht nur super nachhaltig, sondern sogar günstiger, als wenn die Waren zu Discountpreisen neu gekauft worden wären. Mit diesem gesparten Geld ist es dann für die meisten Menschen möglich, die nachhaltigen, hochwertigen und langlebigen Produkte im Kaufbereich zu erwerben. So gewinnen unterm Strich alle: die Menschen, die Umwelt und natürlich die Zukunft.
Nach welchen Kriterien entscheidet ihr, welche nachhaltigen Produkte ihr im Zukunftshaus zum Verkauf anbietet?
Wir haben eine eigene Matrix erstellt und bewerten hier nach Herstellungsort, Rohstoffart, Rohstoffherkunft, Produktionsbedingungen und Produkteigenschaften wie Recyclingfähigkeit etc. Voraussetzung ist hierbei, dass die Lieferwege kurz und die Rohstoffe entweder ökologisch oder recycelt sind. Alles, was wir anbieten, wird zu sozial und ökologisch verträglichen Bedingungen in Europa produziert.
Das Zukunftshaus setzt sich für weniger Konsum ein und ist zugleich darauf angewiesen, Dinge zu verkaufen. Wie lebt ihr mit diesem Widerspruch?
Das stimmt, ohne den Verkauf könnten wir weder Personal noch Miete bezahlen und damit auch die anderen drei Bereiche mitten in der Stadt und zu normalen Öffnungszeiten nicht anbieten. Insofern macht der Kaufbereich den Rest erst möglich. Und er hat auch sonst seine Berechtigung, denn wir verkaufen fast nur Gebrauchs- und Verbrauchsgegenstände. Einen Topf oder eine Hose kann man nicht ewig tauschen und reparieren, irgendwann braucht es ein neues Produkt, ganz zu schweigen von Seifen, Gewürzen oder Waschmittel. Und dann ist es wichtig, ein möglichst nachhaltiges Produkt zu kaufen.
Nachhaltigkeit wird gern als harmonisches Gemeinschaftsprojekt erzählt. Wo entstehen im Alltag die härtesten Interessenkonflikte?
Ich denke, sie entstehen immer dort, wo man versucht, alles zu 100 Prozent richtig zu machen, und dabei vergisst, dass es auch einen gesunden Pragmatismus braucht. Ich glaube, dass wir den aber haben und so finden wir immer gute Lösungen.
Inzwischen zählt die Genossenschaft mehr als 500 Mitglieder. Welche Bedeutung hat diese Gemeinschaft für das Zukunftshaus?
Ohne die Mitglieder wäre das Zukunftshaus undenkbar. Sie haben eine große Bedeutung für das Bestehen und die Weiterentwicklung des Konzepts. Wir freuen uns immer über neue Mitglieder, die Teil dieser wunderbaren Idee werden wollen.
Welche Wünsche, Visionen und Pläne habt ihr für das Zukunftshaus?
Wir sehen das Zukunftshaus in Würzburg als Pionier und als gutes Beispiel. Wir haben all unsere Erfahrungen und unser Wissen auf über 100 Seiten aufgeschrieben und stellen es frei zugänglich auf unserer Webseite zur Verfügung. Damit es in anderen Städten ähnliche Orte geben möge.
Am Samstag, den 10. Oktober, ab 12 Uhr feiert das Zukunftshaus seinen Geburtstag mit einer Tombola, Musik, Snacks und viel positiver Zukunftsenergie.
Zukunftshaus, Augustinerstr. 4, Würzburg