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Seit 1998 legt Frank Lindner, besser bekannt als Fränk, im Würzburger Labyrinth auf. Auch aus dem Stattbahnhof Schweinfurt und von Aftershowpartys in der Posthalle kennen ihn viele. Hauptberuflich war er als Fachkrankenpfleger für Hämatologie und Onkologie an der Uniklinik und im Hospiz tätig sowie ehrenamtlich als Rettungssanitäter im Einsatz – bis er im April 2026 selbst mit der Diagnose eines bösartigen Gehirntumors konfrontiert wurde. Wir sprachen mit Fränk unter anderem über seine Leidenschaft für die Musik, Erinnerungen an früher, den Umgang mit seiner Krankheit und den Tod.
Du hast deine ersten Gehversuche als DJ Anfang der 1990er Jahre im Stattbahnhof in Schweinfurt gemacht. Wie erinnerst du dich an diese Zeit?
Im Stattbahnhof hab ich mit dem Auflegen angefangen. Das war früher noch die „Schreinerei“, bevor sie dann in den Stattbahnhof umgezogen ist. Da haben wir Gruft-, Dark-Wave- und EBM-Abende gemacht. Das hat sich einfach so ergeben. Damals musste man sich die Musik auch noch aufwendig besorgen und die Flyer haben wir von Hand gemalt – ohne PC und Grafikprogramm.
Im Laufe der Jahre hast du in Würzburger Locations wie dem Laby und der Posthalle aufgelegt und dir einen Namen gemacht. Welche Nächte sind dir besonders im Gedächtnis geblieben?
Da gibt’s einige. Ich habe zum Beispiel viele Aftershow-Sachen gemacht. Unter anderem auch für Deichkind. Da hat mich damals Jojo von der Posthalle gefragt wegen Aftershow und ob man das mal probieren könnte. Und dann war das halt so, dass du am Anfang gar nicht genau wusstest, was die Leute hören wollen. Aber es hat dann trotzdem super gepasst. Ich weiß noch, dass Ferris MC sich irgendwann einen Feuerlöscher geschnappt hat und dann mit dem Ding rumgesprüht hat. Oder Evil Jared von der Bloodhound Gang, mit dem habe ich aufgelegt. Ich habe erst mal zwei Stunden alleine aufgelegt, bis er irgendwann gekommen ist, mit so einem kleinen Köfferchen mit ein paar CDs. Er war dann später eigentlich auch mehr damit beschäftigt, den ganzen Mädels Jägermeister auszugeben. Irgendwann meinte er, er müsse mal kurz telefonieren – dann war er plötzlich weg.
Du bist in der Szene auch für deine riesige Musiksammlung mit rund 18.000 CDs bekannt. Welche Rolle spielt Musik in deinem Leben?
Ich höre ja eigentlich so ziemlich alles, ich bin da nicht festgefahren. Nicht nur Rock, Metal oder Punkrock, ich höre auch Hip-Hop oder Elektro. Das Einzige, was ich nicht unbedingt brauche, ist so Ballermann-Zeug. Musik prägt einfach alles: wie man sich kleidet. Welche Leute man kennenlernt. Und ich glaube, gerade in Würzburg hat das damals viel gemacht. Die AKW-Zeiten und das Laby haben viele Verbindungen gebracht. Auch in den 90ern mit New Metal und den Amerikanern, die in Deutschland waren, das hat auch viel geprägt. Da muss man sich nur das Line-up von Rock im Park anschauen: Korn, Limp Bizkit, Linkin Park. Genau die Bands, die wir früher im Laby gespielt haben, wollen die Leute heute noch sehen.
Weißt du noch, was dein erstes Konzert war?
Das allererste war 1988 das Monsters of Rock in Schweinfurt mit Iron Maiden – da konnte ich mit dem Fahrrad aus Grafenrheinfeld einfach rüberfahren. Und das erste Konzert, zu dem ich selbst mit dem Auto gefahren bin, war 1989 Manowar mit Saxon, Lizzy Borden und Fates Warning in Lichtenfels. Ab da ging’s los und ich bin fast jedes Wochenende irgendwo auf Konzerte gefahren: Stuttgart, Nürnberg, Frankfurt, München. Ich habe damals so viele Bands in ihren frühen Jahren gesehen: Rage Against The Machine als Support von Suicidal Tendencies oder Linkin Park als Opener von den Deftones. Oder auch das erste Rock Hard Festival mit Tankard und Sepultura.
Während sich die Clubkultur und die DJ-Szene stark gewandelt haben, warst du immer mittendrin. Wie nimmst du diese Entwicklung wahr?
Heute nennt sich halt jeder DJ. Viele kaufen sich einen Laptop, laden sich die Festplatte voll und denken dann, sie sind DJ. Aber die Kunst beim Auflegen ist ja nicht einfach nur Musik abspielen, sondern dass die Leute immer wieder gerne wegen der Musik in die Clubs kommen. Einer, der seine Sache richtig geil macht, ist Pappenheimer. Der hat auch vor über 20 Jahren klein angefangen. Was sich noch geändert hat: Früher bist du weggegangen, um Musik zu hören und Leute zu treffen. Heute kann man alles über YouTube oder Spotify hören. Ich glaube, dass viele heute vereinsamen. Gerade junge Leute. Die gehen nicht mehr raus wie früher.
Vor deiner Diagnose hast du hauptberuflich als Krankenpfleger an der Uniklinik und als Rettungssanitäter gearbeitet. Was hat dich dazu bewegt?
Ursprünglich habe ich Industriemechaniker gelernt. Dann habe ich bei den Maltesern Zivildienst als Sanitäter gemacht. Dadurch bin ich überhaupt erst mit Krankenhaus und Rettungsdienst in Berührung gekommen. Danach musste ich wieder zurück in die Fabrik. Und ich habe am ersten Tag schon gemerkt: Ich drehe durch. Fabrik ist halt Fließbandarbeit, da bist du einfach nur ’ne Nummer. Dann habe ich beschlossen, eine Ausbildung zum Krankenpfleger zu machen – und so bin ich dann im Anschluss auch nach Würzburg gekommen.
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Du warst und bist oft mit anderen Menschen unterwegs – sei es bei Ausflügen oder Konzertbesuchen. Was bedeutet Freundschaft für dich?
Freundschaft ist wichtig. Es ist wichtig, dass Freunde für einen da sind, wenn was ist. Gerade merke ich das umso deutlicher. Manche wissen nicht, ob sie sich jetzt melden sollen oder nicht, aber ich freue mich über jeden, der sich meldet – auch, wenn man vielleicht schon ewig keinen Kontakt hatte. Besonders schön fand ich zum Beispiel einen Brief mit handgeschriebenen Postkarten, den ich von einem Laby-Gast bekommen habe. Wenn mir jemand schreibt, dass ich mit meiner Auflegerei sein halbes Leben geprägt habe, bedeutet mir das schon viel.
Mit der Diagnose Gehirntumor hat sich dein Leben von einer Sekunde auf die andere verändert. Wie hast du diesen Moment erlebt?
Ich hatte eigentlich kaum Beschwerden. Zwei Wochen vorher war mir einmal kurz schlecht, aber danach war wieder alles normal. Ich habe wie immer gearbeitet. An einem Abend waren wir bei Olaf Schubert. Dort hat meine Freundin Steffi gemerkt, dass irgendwas nicht passt. Die Security hat mich rausgebracht und im Vorraum hatte ich dann einen epileptischen Anfall. Dann kam der Krankenwagen – zack, ab in die Neuro, ins CT und MRT. Und plötzlich sagt der Arzt: „Es schaut nach einem bösartigen Tumor aus.“ Zwei Tage später war gleich die OP.
Auch dein Alltag hat sich komplett verändert. Wie sieht dieser jetzt aus?
Ich wusste nicht, was nach der OP sein wird, ob ich noch mobil bin oder Sprachstörungen haben werde. Aber ich merke aktuell noch relativ wenig. Natürlich bin ich schneller erschöpft, habe Fatigue, und bin auch durch die Antiepileptika müder als sonst. Und wenn viele Leute oder zu viel Musik um mich herum sind, dann merke ich irgendwann, dass der Kopf dicht macht. Man muss sein Leben danach ausrichten: Ich darf kein Auto mehr fahren – was mich bei den Spritpreisen nicht so stört (lacht) – und bin seit der OP den ganzen Tag zu Hause. Aber ich gehe trotzdem noch viel weg. Ich habe ja letztlich nichts zu verlieren. An diesem Tumor werde ich definitiv sterben – ob in einem halben Jahr oder in fünf – und ich muss einfach das Beste draus machen.
Beruflich hast du viele Menschen mit solchen Diagnosen begleitet, jetzt bist du selbst Patient. Hilft dir diese Erfahrung in deiner jetzigen Situation?
Definitiv. Weil man bei vielen Sachen weiß, wie sie ablaufen. Ich bin Fachkrankenpfleger für Hämatologie und Onkologie und war auf 16 Stationen im Flexpool an der Uniklinik im Einsatz und im Hospiz. Ich habe Menschen mit meiner Diagnose gepflegt und beim Sterben begleitet. Auch jüngere Patienten. Ich weiß letztlich, wie es endet. Sterben muss jeder mal, das ist Fakt.
Du hast dir ganz offensichtlich deinen Humor bewahrt und wirkst im Umgang mit der Krankheit erstaunlich gelassen. Wie machst du das?
Ich muss mich nicht erst seit meiner Diagnose mit dem Tod beschäftigen, durch meine Arbeit bin ich mein ganzes Leben lang mit dem Tod konfrontiert gewesen. Neulich habe ich noch die Leute in der Klinik ins Strahlengerät geschoben, jetzt liege ich selbst auf dem Tisch – eigentlich ist das schon verrückt. (lacht) Und ich gebe auch nicht viel auf Prognosen, ich bin froh, dass es mir gerade so gut geht. Mir ist klar, dass das nicht immer so sein wird, aber bis dahin genieße ich mein Leben. Die Einstellung macht viel aus, das habe ich auf der Arbeit immer wieder gesehen. Ich habe letztendlich nichts zu verlieren. Natürlich würde ich gerne noch länger leben. Aber niemand weiß, wie viel Zeit er hat. Deswegen versuche ich einfach, das Beste draus zu machen. Solange es möglich ist, auf Konzerte gehen, Leute treffen, Musik erleben.
Hat sich für dich mit der Krankheit der Blick auf das Leben verändert?
Viele Leute machen sich wegen völlig unwichtiger Sachen verrückt. Beruflicher Erfolg. Geld. Status. Ich habe genug Menschen gepflegt, die unglaublich viel Geld hatten und trotzdem nicht glücklich waren. Gesundheit ist das Wichtigste. Das merkt man oft erst, wenn sie plötzlich weg ist.
Gibt es etwas in deinem Leben, auf das du besonders stolz bist?
Letztendlich bin ich stolz auf das, was ich erreicht habe, ohne dass ich es unbedingt wollte – es hat sich einfach Schritt für Schritt ergeben. Ich hab nie gesagt: Ich will unbedingt DJ oder Sanitäter werden. Ich hätte früher auch nie gedacht, dass ich selbst irgendwann mal im Laby auflege. Letztendlich habe ich gemerkt, dass man dadurch Menschen glücklich machen kann. Darauf bin ich stolz.
Wenn du den Leserinnen und Lesern dieses Interviews etwas mitgeben könntest, was wäre das?
Viele Leute sind unzufrieden, obwohl sie eigentlich gar keinen Grund dazu haben. Ich habe im Krankenhaus alle gepflegt – vom Obdachlosen bis zur Führungskraft. Da lernt man die Leute von einer ganz anderen Seite kennen. Das wichtigste Gut im Leben ist immer die Gesundheit. Und Respekt vor jedem und Wertschätzung.
Und wie möchtest du eines Tages den Menschen mal in Erinnerung bleiben?
Als der Fränk, der immer lacht (lacht). Einfach als jemand, der so war, wie er ist. Ohne sich zu verstellen.